03. Mai 2016

Am gestrigen Montag diskutierten im Haus der Musik rund 100 Gäste die bildungspolitischen Handlungsfelder in Zeiten der Einwanderungsgesellschaft –  darunter Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaft, Politik, aus der pädagogischen Praxis sowie Unterstützerinnen und Unterstützer der Initiative NEUSTART SCHULE. Dabei wurde auf die Dringlichkeit einer umfassenden Bildungsreform deutlich hingewiesen.

Fakt ist: die Bildungslaufbahn eines Kindes wird maßgeblich von seinem Elternhaus geprägt. In besonderem Maße sind davon Personen mit Migrationshintergrund betroffen – sie finden sich besonders häufig in den niedrigsten Bildungsschichten wieder.  „Wenn es das Bildungssystem nicht schafft, Chancengerechtigkeit herzustellen, werden die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgeprobleme weiter wachsen. Auch die  aktuelle Fluchtbewegung erhöht den  bildungspolitischen Handlungsdruck. Es braucht strategischen Weitblick und viel Energie, die Umsetzung der Bildungsreform mutig voranzutreiben.“, so NEUSTART SCHULE-Initiator Christian Friesl in Richtung der politisch Verantwortlichen.

Im Schulzentrum HTL HAK Ungargasse  hat  mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler nichtdeutsche Muttersprache. Integration ist hier gelebte Grundhaltung. In laufenden Fortbildungen werden wichtige sozialpädagogische Fähigkeiten vermittelt. Der Umgang mit Vielfalt, Konfliktlösung und Mehrsprachigkeit sind einige wichtige Fähigkeiten von Lehrkräften. Diese müssen in der pädagogischen Ausbildung jedoch  stärker verankert werden. „Aber damit alleine ist es nicht getan, denn es braucht mehr Unterstützung der Pädagoginnen und Pädagogen damit sich diese auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können. Sozialarbeiter, Sprachförderkräfte und andere Professonialisten müssen an Schulen dringend aufgestockt werden.“, berichtet Direktorin Martina Mikovits aus der Praxis. Auch die NEUSTART SCHULE-Community ortet hier den größten Handlungsbedarf, wie eine Umfrage im Vorfeld der Veranstaltung deutlich zeigte.

„Bildung ist DER Schlüssel für Wohlstand, Partizipation am gesellschaftlichen Leben und sozialen Zusammenhalt und damit für eine gelingende Integration.“, sind sich die Podiumsdiskutanten einig. „Menschen, die sich der Gesellschaft nicht zugehörig fühlen, können sich radikalen Gruppierungen anschließen, die mit Versprechungen wie Status, Zugehörigkeit und Geld locken. Davor haben aktuell  viele Angst. Deshalb muss Inklusion inhärenter Bestandteil jeder Bildungsreform sein“, so Soziologe Kenan Güngör. Bei Inklusion spielt der Spracherwerb eine Schlüsselrolle. „Die sprachlichen Defizite sind ein wesentlicher Grund, warum weniger Jugendliche aus zugewanderten Familien höhere Bildungsabschlüsse erreichen und dementsprechende Perspektiven entwickeln. Es braucht deshalb ein frühzeitiges und durchgängiges Sprachbildungskonzept, das es nicht dem Zufall oder Einzelinitiativen überlässt, ob ein Kind gefördert wird“, weiß Bildungs- und Migrationswissenschaftlerin Barbara Herzog-Punzenberger. Gerade in Wien sind die Herausforderungen diesbezüglich am größten – beinahe die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler und fast 60 Prozent aller Kindergartenkinder haben eine andere Umgangssprache als Deutsch.

Nichtsdestrotz glauben laut Umfrage zwei Drittel der NEUSTART SCHULE-Community, dass Österreich von der Zuwanderung langfristig profitieren wird, vorausgesetzt es werden jetzt die richtigen Integrationsmaßnahmen im Bildungssystem gesetzt. Aus Sicht der Wiener Bildungspolitik bedeutet dies vor allem „das Bekenntnis zum Ausbau der verschränkten ganztägigen Schulform, dafür braucht es auch die nötigen Mittel“, so Heinz Vettermann, Bildungssprecher der Wiener SPÖ. „Die Regierung hat sich vorgenommen, bis Juni die wesentlichen Pakete der Bildungsreform abzuschließen. Bis jetzt haben wir mit dem Schulrechtspaket  erst kleine Schritte vorwärts gesehen. Für NEUSTART SCHULE braucht es auch bei den anderen Reformpaketen – vor allem bei Elementarbildung und Schulautonomie – herzeigbare Ergebnisse. Das hilft uns auch in der Integrationsfrage“, so Christian Friesl abschließend.

Podiumsgäste:

  • Christian FRIESL – Initiator Neustart Schule
  • Kenan GÜNGÖR – Soziologe
  • Barbara HERZOG-PUNZENBERGER – Bildungswissenschaftlerin und Migrationsforscherin
  • Martina MIKOVITS – Direktorin des Schulzentrums HTL HAK Ungargasse
  • Heinz VETTERMANN – Landtagsabgeordneter und Bildungssprecher der Wiener SPÖ
  • Kurzfristig abgesagt: Brigitte JANK - Bildungssprecherin der ÖVP

Moderation: Manuela Raidl (PULS4)

Links:

Ergebnisse der Community-Umfrage "Bildung und Integration"

"Wege zur gelingenden Integration durch Bildung" (Barbara Herzog-Punzenberger)

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