22. Oktober 2014

Farid und Enes beugen sich über ein Leserätsel. Die 2b soll das richtige Wort mit „eu“ finden. Gesucht ist „trockenes Gras, im Winter lagert es in der Scheune, Tieren schmeckt es gut“. Enes versteht die Angabe nicht. Farid versucht zu helfen. Enes versteht noch immer nicht. Farid reißt die Geduld: Er sagt zwei Sätze auf Türkisch, die ich nicht verstehe. „Ah! Heu!“, ruft Enes. Da verstehe ich: Viele Wege führen zum Ziel. Einer davon ist die Mehrsprachigkeit. Die Förderung der Erstsprache von Kindern ist wichtig. Das findet auch Farid: „Ich will Deutsch sprechen. Und meine erste Sprache.“ 56 Prozent der Wiener Taferlklassler haben eine nicht deutsche Erstsprache. Sollten sie nicht so schnell wie möglich Deutsch lernen statt ihre Erstsprache zu pflegen? Das eine schließt das andere nicht aus. Wer eine Sprache gut beherrscht, lernt die nächste leichter. Das ist längst eine sprachwissenschaftliche Binsenweisheit. Nirgends sind Sprachen günstiger und besser zu fördern als in der Schule. Mehrsprachigkeit - ein Problem? Seit wann sind Kompetenzen ein Problem? Drei Sprachen sprechen Zuwanderer in Österreich im Schnitt – mehr als eingesessene Österreicher. Auf dem Arbeitsmarkt ist Mehrsprachigkeit von Vorteil. Doch der muttersprachliche Förderunterricht fällt Budgetkürzungen zum Opfer. Wir machen aus potentiell mehrsprachigen wieder einsprachige Kinder.

- Mag. Robert Dempfer Österreichisches Rotes Kreuz Leiter, Stabsstelle Gesellschaftspolitik

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Bildungsbotschafter