18. November 2015

Erwartungen und Ergebnis der Bildungsreform – der NEUSTART SCHULE Faktencheck

Gestern präsentierte die Bundesregierung Vorschläge für eine Reform der Schulorganisation. Bereits im Vorfeld wurde einiges gefordert und umso mehr spekuliert. Partner der Initiative NEUSTART SCHULE luden zu einem Faktencheck um Erwartungen und Ergebnisse gemeinsam zu evaluieren.

„Die Reform der Schulorganisation ist kein Selbstzweck“, so Elisabeth Anselm, Geschäftsführerin Hilfswerk Österreich. Es müsse gewährleistet werden, dass schulische Bildung in hoher Qualität für alle Kinder und Jugendlichen möglich wird. Der Begriff Schulverwaltung sei in diesem Kontext auch obsolet, es geht vielmehr um eine moderne Organisation von Bildung. „Bei der Präsentation der Regierungsvorschläge lassen sich bereits einige gute Tendenzen erkennen, aber es ist noch Luft nach oben.“

Aufwertung von Elementarbildung und Autonomie

Die Bemühungen zur Aufwertung der Elementarbildung müsse man differenziert sehen. Dazu Heidemarie Lex-Nalis, Sprecherin der Plattform EduCare: „Wir freuen uns natürlich, dass das zweite verpflichtende Kindergartenjahr nun doch gekommen ist. Leider wurde die Chance vertan, die Elementarbildung in das Bildungsmanagement auf Bundesebene zu integrieren und mit hoher Autonomie auszustatten. Und es ist fraglich, wie die Umsetzung des bundesweiten Qualitätsrahmens mit den Ländern auf die Beine gestellt werden kann.“ Die geplante Anhebung der Ausbildungsqualität im elementarpädagogischen Berufsfeld sei zwar begrüßenswert, aber von einer gleichwertigen Ausbildung mit anderen PädagogInnen noch immer weit entfernt.

Gerda Schaffelhofer, Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich, präzisiert hinsichtlich der Autonomie: „Die Stärkung der Direktion bei der PädagogInnenauswahl und die flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten des Unterrichts und der Unterrichtszeiten sehen wir sehr positiv. Jedoch scheint die Möglichkeit lediglich 5% des Lehrpersonals in pädagogisches Supportpersonal umzuwandeln – auch im internationalen Vergleich – zu gering. Für diese erweiterte Autonomie benötigt es jedenfalls eine gezielte Aus- & Fortbildung für SchulleiterInnen.“ Besonders erfreulich, so sind sich die Unterstützer einig, seien die Möglichkeiten zur Entwicklung eines Schulprofils und individueller Schwerpunktsetzungen.

Kompromiss bei der Schulverwaltung

Ob sich die neuen Bildungsdirektionen tatsächlich als gute Lösung für die Schulorganisation erweisen, wird sich zeigen. Bernd Wachter, Generalsekretär der Caritas, ist skeptisch: „In der Umsetzung wird man sehr darauf achten müssen, dass sich die neuen Bildungsdirektionen nicht als umbenannte Landesschulräte entpuppen, dann wird daraus kein Schmetterling, sondern ein Nachtfalter des Bildungssystems. Die einheitliche Verrechnung aller Lehrer und Lehrerinnen über das BRZ sehen wir jedenfalls positiv, auch die Abschaffung der Landesschulratspräsidenten und der Kollegien.“ Negativ sei, dass es keine formelbasierte und sozialindizierte (Pro-Kopf-)Finanzierung außerhalb des Finanzausgleichs geben wird.

Nur im Ansatz erfüllt sehen die Neustart Schule Partner die Qualitätssicherung. Die Selbstevaluation und Zielvereinbarungen werden zwar durch die so genannte Schulaufsicht Neu begleitet, diese ist jedoch in der Bildungsdirektion angesiedelt und kann daher nicht unabhängig agieren. Bernd Wachter: „Ich erkenne viele positive Ansätze, aber jeder und jede weiß, wie sehr ein Vorhaben noch reifen kann, wenn man eine Nacht drüber schläft erst recht, wenn man eine Nacht durchgearbeitet hat. Ich würde der Regierung sehr empfehlen, das zu tun, und den Sack noch nicht ganz zuzumachen.“

Die großen inhaltlichen Fragen stehen erst an

Zusammenfassend sind sich alle Unterstützer einig: Die vorliegenden Reformvorschläge sind für die angesprochenen Bereiche der Schulverwaltung durchaus als Teilerfolg zu sehen. Was nun aussteht ist, sich den großen inhaltlichen Fragen zu stellen. IV-Generalsekretär Neumayer: „Dazu gehört die Definition von Bildungszielen gleichermaßen wie die Einführung einer Bildungspflicht, die Qualitätssteigerung der Pflichtschule, Maßnahmen gegen Schulabbruch oder die Anpassung des Lehrerdienstrechts an die Autonomie. Dafür braucht es einen parteiübergreifenden Prozess mit Beteiligung der Betroffenen, der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft. Ein solcher Prozess soll noch in dieser Legislaturperiode stattfinden.“
 

Evaluierung 17.11.

Die Neustart Schule Partner (v.l.n.r.):
Elisabeth Anselm, Hilfswerk Österreich, Geschäftsführerin
Gerda Schaffelhofer, Katholische Aktion Österreich, Präsidentin
Heidemarie Lex-Nalis, Plattform EduCare, Sprecherin
Bernd Wachter, Caritas Österreich, Generalsekretär
Christoph Neumayer, Industriellenvereinigung, Generalsekretär

 

Für die Beantwortung der inhaltlichen Fragen braucht nun es einen breit aufgesetzten Prozess.
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