01. Dezember 2017

In Reaktion auf das Bildungspaket der Regierungsverhandler zieht die Initiative NEUSTART SCHULE eine erste Bilanz und richtet einen Appell an die zukünftigen Verantwortlichen der Bildungspolitik.

Seit Anfang September verfolgte die Initiative den Wahlkampf mit Blick auf die österreichische Bildungspolitik und forderte Lösungen für 5 Bildungsbaustellen, die es für erfolgreiche Bildungspolitik in Österreich braucht. Nach der Präsentation des Bildungspakets der Regierung ist der gemeinsame Tenor in Richtung der politisch Verantwortlichen: Eine zukunftsorientierte Gestaltung von Bildung ist die beste Garantie, um die Herausforderungen der kommenden Jahre zu bewältigen. Um diesem Ziel nahezukommen, braucht es mehr Dialog.

Das Sprecherteam der Initiative Martina Piok (COOL – Cooperatives Offenes Lernen), Erwin Greiner (Bildung Grenzenlos, Teach For Austria) und Christian Friesl (Industriellenvereinigung) zieht eine erste Bilanz: „Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es viele Pläne und wenige Details. Wir begrüßen, dass mit der Bildungspflicht und einer Stärkung der Elementarpädagogik zwei sehr große Baustellen in Angriff genommen werden. Auch der neue Fokus auf berufliche Bildung ist beachtlich.“ Manche Themen wie etwa die Bewertung pädagogischer Leistungen bräuchten noch eine Konkretisierung, um eine Einschätzung abgeben zu können. Einzelne Punkte werden kritisch gesehen, wie etwa die verpflichtende Wiedereinführung der Ziffernnoten. Damit würde eine bewährte Praxis konterkariert und die Autonomie der Schulen eingeschränkt.

Qualitätsoffensive in der Elementarbildung wichtiger Schritt für Bildungsqualität

Gute Elementarbildung ist das Fundament für einen erfolgreichen Übertritt in die Schule, für die frühe Förderung von Begabungen und für faire Bildungschancen. Investitionen zahlen sich in diesem Feld am meisten aus – für Kinder, Familien, Gesellschaft und Wirtschaft. Die breit angelegte Qualitätsoffensive befürwortet die Initiative explizit: „Alle Vorschläge zur Elementarbildung sind grundsätzlich positiv, wobei wir uns in einer Maximalvariante über ein 2. Kindergartenjahr für alle und ein Bundesrahmengesetz freuen würden.“ Der Fokus sei jedoch stark auf die Qualität elementarer Bildungseinrichtungen zu legen. „Und es ist absolut unumgänglich“, so Christian Friesl weiter, „die Kindergartenkompetenzen ins Bildungsministerium zu übersiedeln. Alles andere wäre auch vor dem Hintergrund der geplanten Leistungsdokumentation, Bildungspflicht oder Deutsch vor Schuleintritt-Maßnahme nicht zielführend.“

Diskussion um Bildungspflicht

Eine Kernforderung der Initiative ist die Steigerung der Bildungsqualität im Rahmen der Pflichtschulzeit. Die geplante Bildungspflicht wird daher durchaus positiv gesehen, wobei die konkrete Ausgestaltung wesentlich sei. Es müsse einerseits gelingen, ein für die weiteren Bildungs- und Ausbildungswege anschlussfähiges Wissens- und Kompetenzniveau zu schaffen und andererseits die Kinder und Jugendlichen über die gesamte bildungspflichtige Zeit phasen- und entwicklungsorientiert zu begleiten. Das Vorhaben durchgängiger digitaler Leistungsaufzeichnungen sei in diesem Zusammenhang zu befürworten, wenn es um die Förderung und Unterstützung der Kinder geht - nicht jedoch, wenn es auf eine Punzierung hinausläuft.

In der Diskussion um die geplante Bildungspflicht ortet Friesl Differenzierungsbedarf. „Die Bildungspflicht ist eine Aufwertung der Grundbildung und die Chance für möglichst alle Kinder und Jugendlichen, ein gutes Bildungsniveau zu erreichen und Schulabbruch zu vermeiden.“ Es gehe also nicht nur um die Einführung einer weiteren zentralen Testung oder eine Verpflichtung, jetzt statt neun Jahren 12 abzusitzen. „Da wünsche ich mir mehr Präzision in der Debatte. Es ist nicht automatisch ‚Law & Order‘, wenn man einen gemeinsamen Mindeststandard an Bildungsqualität anstrebt. Umgekehrt würde man manche Maßnahme des Bildungspakets besser verstehen, wenn sie als Chance und nicht mit dem Gestus des Zwangs daherkäme. Bildung hat eben mehr mit Fördern als mit Fordern zu tun.“

Reformen mit Zielen und Inhalten starten

Die Resonanz der Bildungscommunity auf die türkis-blauen Bildungspläne fiel erwartungsgemäß unterschiedlich aus, das sei nicht anders zu erwarten bei Themen, die durchaus Zündstoff bergen. „Wir merken aber auch, dass die Diskussion sofort wieder in strukturelle und organisatorische Themen wie das Dienstrecht kippt, statt über Ziele und Inhalte zu sprechen“, so das Sprecherteam. Wie Bildungsreformen in der bevorstehenden Legislaturperiode gelingen können, dazu hat NEUSTART SCHULE konkrete Vorschläge: „Die vergangene Legislaturperiode hat gezeigt, dass uns ideologische Grabenkämpfe und gegenseitige Blockaden nicht weiterbringen. Wir brauchen eine neue Strategie und Kultur in der Art und Weise, wie wir Reformen angehen.“ Das bedeute, zuerst gemeinsame Ziele und Inhalte zu erarbeiten – und erst dann die Maßnahmen und Strukturen abzuleiten.

Zum Start dieser Legislaturperiode spricht sich die Initiative NEUSTART SCHULE daher für einen parteien- und institutionenübergreifenden Dialogprozess aus, der sich mit der Frage beschäftigt, was wir uns von Bildung in Österreich eigentlich erwarten und was Kinder und Jugendliche am Ende der Bildungspflicht wissen und können sollen. „Mit dem Ergebnis dieses Dialogs wird es möglich sein, eine Bildungspolitik zu gestalten, die nicht nur für eine Legislaturperiode Gültigkeit hat.“, so Christian Friesl abschließend.

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