09. Juni 2016

40 Jahre Stillstand: Bildungsexperten plädieren für sachorientierten Dialog und die Einbindung der Zivilgesellschaft in strategische Reformbemühungen.

Die Initiative NEUSTART SCHULE lud am gestrigen Mittwoch zur vierten Ausgabe des Diskussionsformats „Bildungsarena“ mit dem Titel „40 Jahre Stillstand“. Rund 100 Gäste und das prominente Podium rund um Stefan Hopmann, Sibylle Hamann und Andreas Salcher diskutierten im Chaya Fuera über Haltungen, Ideologien und Handlungsfelder.

Die Reform des Bildungsbereichs erscheint vielen als „unendliche Geschichte.“ Bereits seit Jahrzehnten wird über mögliche Reformen diskutiert, viele Konzepte liegen bereits auf dem Tisch. Trotz vieler Rufe nach der (jetzt aber wirklich!) großen Neukonzeption, will ein größerer Wurf nicht so recht gelingen. Selbst die Umsetzung der Reformvorschläge vom November lässt auf sich warten, vorerst wurde lediglich das Schulrechtspaket beschlossen.

Wie eine Umfrage in der NEUSTART SCHULE Community ergab, hemmen ideologische Grabenkämpfe und Reizthemen die Bildungsdiskussion. Dabei sei es viel wichtiger, ein gemeinsames Zielbild zu definieren, welchen Stellenwert die beste Bildung in Österreich bekommen sollte. „Bildung ist der Querschnitt durch beinahe alle politischen Themen, die Grundlage für eine funktionierende, demokratische, zukunftsfähige Gesellschaft und einen attraktiven Wirtschaftsstandort“, so das Podium. Sibylle Hamann, Journalistin und Autorin, wünscht sich konkret, „dass offener und ehrlicher geredet wird und dass wir die Angst verlieren. Damit kommen wir vom Stellungskrieg wieder zu einem sachlichen, auf Fakten basierten Austausch.“

Viele Hoffnungen liegen auf der neu zusammen gesetzten Regierung und der Ankündigung, einen neuen Stil in die politische Arbeit einziehen lassen zu wollen. „Die kommenden Monate werden zeigen, ob erkennbare Reformschritte gelingen.  Wir möchten jedenfalls unsere Erfahrungen und Vorschläge einbringen, weil der Reformstau hoch ist“, so NEUSTART SCHULE Initiator Christian Friesl.

Niki Glattauer, Pädagoge und Buchautor, findet dass „man vor allem endlich wieder die Kinder und LehrerInnen in den Fokus der Bildungsdiskussion rücken sollte, anstatt sich mit technischen Verwaltungsfragen zu beschäftigen.“

Aus dem vermeintlich oft als Blockierer wahrgenommen Verwaltungsbereich stammt der Amstettner Pflichtschulinspektor Josef Hörndler: „Ich halte überhaupt nichts von Überregulierung. Die Aufgabe der Verwaltungsebene muss sein, einen Rahmen für umfangreiche Autonomie in den Bildungseinrichtungen zu ermöglichen. Es ist wirklich erstaunlich, was hier jetzt schon alles geschieht – aber das System muss sicherstellen, dass es nicht bei einzelnen engagierten Leuchttürmen bleibt.“

Für ein systemisches Umdenken spricht sich Schulsystemkritiker Andreas Salcher aus: „Der internationale Vergleich macht sicher: wir brauchen einen Richtungswechsel im Umgang miteinander und wie wir uns dem Thema nähern. Wir brauchen eine klare Vision davon, was in Österreich im Bildungsbereich in den nächsten 20 Jahren geschehen soll.“

Christian Friesl dazu abschließend: „Wir müssen alle einen Schritt aufeinander zugehen und die großen inhaltlichen Fragen anpacken: Bildungsziele definieren, die Pflichtschulqualität deutlich steigern, Chancengerechtigkeit schaffen und Maßnahmen gegen Schulabbruch setzen. Dafür benötigt es ein gemeinsames Vorgehen mit den Betroffenen, der Politik, der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft“.

Links:

Ergebnisse der Community-Umfrage "40 Jahre Stillstand"

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