11. Mai 2016

NEUSTART SCHULE: ZWANZIG ORGANISATIONEN FORDERN REFORMEN UND EINE ECHTE BILDUNGSSTRATEGIE

Heute, am 11. Mai, luden wir unsere Partner und ausgewählte Expertinnen und Experten zu einem Pressegespräch zum „2. Bildungssummit der Zivilgesellschaft: Bewegung in die Bildungspolitik“. Im Rahmen der Veranstaltung wurden die aktuellen Reformbemühungen bewertet und weitere inhaltliche Reformen gefordert.

Am 17. November 2015 wurde von der Regierung ein Maßnahmenpaket präsentiert, das Ansätze für einen Reformwillen erkennen ließ: Mehr Autonomie für die Schulen, Aufwertung der Elementarpädagogik, Modellregionen für eine gemeinsame Schule sowie die Verschlankung der Schulorganisation. Bislang jedoch gestaltet sich die Umsetzung dieser Maßnahmen als zäh und eine – wie ursprünglich geplante – Finalisierung der Bildungsreform mit Ende Juni 2016 scheint in weiter Ferne. Die kommenden Monate werden zeigen, ob erkennbare Reformschritte gelingen. "Wir möchten jedenfalls unsere Erfahrungen und Vorschläge einbringen, weil der Reformstau hoch ist“, so NEUSTART SCHULE Initiator Christian Friesl. Der gemeinsame Tenor in Richtung der politisch Verantwortlichen: Die Reformschritte vom November sind jetzt umzusetzen, parallel dazu muss es aber unbedingt mit den großen, offen gebliebenen Bildungsfragen weitergehen.

 

Erste Bewegung bei Elementarpädagogik und Schulpaket

Für Heidemarie Lex-Nalis, Plattform EduCare, könnte die Aufwertung der Elementarbildung ein zentraler Erfolg werden: „Dazu braucht es allerdings die Finanzierung des zweiten Kindergartenjahres und die Entwicklung bundesweit einheitlicher und verbindlicher Standards für Qualität und Rahmenbedingungen. Außerdem muss der Bildungskompass mit aller nötigen Umsicht auf Schiene gebracht werden. Es braucht stärken- und ressourcenorientierte Lösungen, kein reines Screening-Instrument für Dreieinhalbjährige als bloße Momentaufnahme oder Selektionskriterium.“

Dass mit dem jüngst vorgelegten Schulrechtspaket richtige Schritte in punkto Noten, jahrgangsübergreifendem Unterricht oder Sprachförderung gesetzt und so langjährigen Schulversuchspraktiken ein Ende gesetzt wurde, erkennt Martina Piok von der Initiative COOL durchaus an. Dennoch werde, so Piok, durch die Hintertür wieder vieles eingeschränkt: „Warum ermöglicht man nicht Ziffernnoten und alternative Leistungsbeurteilungen in Kombination? Warum soll die Einführung jahrgangsverschränkt geführter Klassen von der Zustimmung der Behörden abhängig gemacht werden können? Und warum traut man sich nicht über eine echte Sprengelflexibilisierung unabhängig von Bundesländergrenzen und Schulform?“

 

Ausstehende Details zu Autonomie & Bildungsinnovation

„Gelebte Autonomie steht und fällt mit den handelnden Personen am Standort“, betont Heidi Schrodt von der Initiative Bildung Grenzenlos. Ein Mehr an Autonomie an den Schulen muss auch mit Professionalisierungsmaßnahmen und -angeboten für Schulleiterinnen und Schulleiter einhergehen. Allerdings müssen die Schulen alleine zuständig für die Auswahl ihres Personals sein. Vetorecht, wie derzeit vorgesehen, ist mit Sicherheit zu wenig. Dass man jetzt übrigens mittels Sozialindex Schulen mit besonderen Herausforderungen gezielt unterstützen wolle, sei im Autonomiekontext notwendig und wichtig.

Johanna TradinikVorsitzende der Bundesjugendvertretung, pocht darauf „Bestellungsverfahren in den Schulen künftig objektiv, ohne politische Einflussnahme und unter Mitwirkung der Schulpartner abzuwickeln“. Außerdem drängt sie auf konkrete Schritte beim Bildungsinnovationspaket: „Bisher gibt es noch keine konkreten Vorschläge. Es muss jedenfalls zielgerichtet und unbürokratisch in Zukunftsthemen investiert werden, da gerade sie die österreichische Jugend massiv tangieren.“

 

Reizthema Bildungsdirektionen & Modellregion

Scharf kritisiert wird von NEUSTART SCHULE jegliche Tendenz, mit den neuen Bildungsdirektionen einer kompletten Verländerung der Schulverwaltung den Weg zu ebnen. Für Michael Landertshammer, Abteilungsleiter Bildungspolitik in der WKO wäre dies nichts anderes als die rechtliche Einzementierung der IST-Situation mit neuen Funktionsbezeichnungen. „Die gemeinsame Bund-Länder Behörde war schon ein umstrittener Kompromiss, von operativen Aufgaben für Landeshauptleute niemals die Rede. Wir wollen Bildungsträger, die die Schulen unterstützen, aber keine gesetzlichen oder behördlichen Aufgaben mehr haben“, so Landertshammer.

„Die 15%-Grenze bei den Modellregionen führt dazu, dass in der Hälfte der österreichischen Bezirke gar keine Modellregion möglich wäre“, so Michael Chalupka von der Diakonie. Stattdessen plädiert er für Kriterien, die „nicht Prozentsätze sondern die Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt stellen. Um die soziale Durchmischung zu gewährleisten, braucht es eine gewisse Mindestgröße und die Vorlage eines schlüssigen pädagogischen und organisatorischen Konzepts. Modellregionen können die Frage nach der besten Bildung für alle Kinder beantworten helfen – in der Spitze und in der Breite, für die Stärkeren und für die Schwächeren.

 

Inhaltliche Reformen angehen

Einig sind sich alle Unterstützerinnen und Unterstützer darin, dass nach der Umsetzung der Vorschläge vom November die Bildungsreform nicht zu Ende ist, sondern erst richtig beginnt, nämlich mit inhaltlichen Reformüberlegungen. Christiane Spiel von der Uni Wien dazu: „Es braucht den Mut, ideologisch überlagerte Reizthemen bewusst in einen neuen neutralen Kontext zu setzen und auch Fragen anzugehen, wo man keine schnellen politischen Erfolge einfahren kann; das heißt mit Zielen beginnen und nicht mit Maßnahmen, und auch die Implementierung sorgfältig planen unter Einbezug möglichst aller Stakeholder.“ Auch Christian Friesl verstärkt seine Forderung nach einer Neukonzeption des Bildungswesens: „Wir müssen Bildungsziele definieren, die Pflichtschulqualität deutlich steigern, über eine Bildungspflicht statt der Unterrichtspflicht nachdenken, Chancengerechtigkeit schaffen und Maßnahmen gegen Schulabbruch setzen. Österreich braucht eine ‚Bildungsrevolution‘ – dafür benötigt es ein gemeinsames Vorgehen mit den Betroffenen, der Politik, der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft“.

 

Am Podium:

  • Michael CHALUPKA, Diakonie Österreich, Direktor
  • Christian FRIESL, Industriellenvereinigung, Initiator Neustart Schule
  • Michael LANDERTSHAMMER, Wirtschaftskammer Österreich, Leitung Abt. Bildungspolitik
  • Heidemarie LEX-NALIS, Plattform EduCare, Sprecherin
  • Martina PIOK, COOL – Impulszentrum für Cooperatives Offenes Lernen
  • Heidi SCHRODT, Bildung Grenzenlos, Vorsitzende
  • Christiane SPIEL, Universität Wien, Fakultät für Psychologie
  • Johanna TRADINIK, Bundesjugendvertretung, Vorsitzende

 

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2. Bildungssummit der Zivilgesellschaft: Bewegung in die Bildungspolitik

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